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 Seine Inspiration ist das Kino, seine Leidenschaft der Rallyesport. Kein Wunder, dass Helmut Deimel den Motorsport-Film zu höheren Ehren trug und ihn bis heute prägt. Ein Rückblick zu seinem Sechziger auf über drei Jahrzehnte Film im Quer-Format.
Hysterisch schießt der Audi S1 von Kuppe zu Kuppe durch
Finnlands Wälder, taucht nach jedem Sprung tief ein, um
gleich wieder in die Luft zu gehen. Der Fünfzylinder
schreit sich die Kurbelwelle aus dem Motorblock, dass es
einem kalt den Rücken runterläuft, und man wird das Gefühl
nicht los, dass der sture Bock in alle Richtungen will. Nur
nicht dort hin, wo der wild kurbelnde Pilot ihn drängt.
Szenen, die niemanden kalt lassen, der auch nur einen Tropfen
Benzin in den Adern hat. Szenen, die nicht einfach nur ein buntes
Auto im Wald zeigen, sondern Dramatik, Kampf und Action einer
ganzen Sportart verkörpern. Szenen von Weltformat, zum Kunstwerk
fertigkomponiert in einem Reihenhaus in Perchtoldsdorf bei
Wien.
Helmut Deimel? Klar, Rallye, Audi, DTM und so. Kennt man.
Der Mann, der die fiebrigen Gruppe B-Rallyes ebenso auf Zelluloid
gebannt hat wie die Heydays der DTM oder die Formel I der Neuzeit.
Deimel, der Filmemacher zum Thema Autorennen. Aber wie
fängt so eine Laufbahn an? Und wie wird man überhaupt Motorsport-
Filmemacher? Mit Ideen, viel Idealismus und Mut zum Risiko,
das man im jugendlichem Übereifer einfach ignoriert.
Neben Autos faszinierte den Schüler der Filmakademie
schon immer das Kino und trieb ihn regelmäßig ins Lichtspielhaus
des heimatlichen Hohenberg. Die Freundschaft zum damals
aufstrebenden Rallyefahrer Franz Wittmann sorgte für den Link
zur Quertreiberei, erste filmische Gehversuche ließen nicht lange
auf sich warten. Sie führten Deimel schon Mitte der 70er bis nach Finnland, und als er seine Aufnahmen das erste Mal dem Badener Rallye Club vorführte, lange vor dem Start von Sport am Montag und Eurosport, waren alle einfach nur baff, wie viel Action internationale Rallyes bieten. Durch die Gegend fliegende Autos begeistern die Massen. Höchste Zeit also, sich ernsthafte Gedanken über eine Berichterstattung der Saison 1980 zu machen. Rückblickend, meint Deimel, war die ganze Aktion eine ziemlich
riskante Sache. Denn finanziell bewegte sich der damals 30-
Jährige immer knapp am Abgrund. Als zinsfreies Darlehen pumpte
Spezi Wittmann das Geld für die erste echte Profi-Kamera,
eine Beaulieu 16 Millimeter. Ein alter Freund, der bei der Bank
arbeitete, verschaffte eine Kreditkarte, die der junge Deimel bei
seinem beängstigenden Kontostand nie bekommen hätte. Und
ohne die Unterstützung der Mutter wäre sowieso schon viel früher
Schluss gewesen.
So oder so gab es zum Ende der Meisterschaft, im November
1980, kurz vor der RAC-Rallye, kein Zurück mehr. Deimel ließ
die Kreditkarte noch einmal glühen, fuhr nach Wales und landete
zwei Volltreffer: Weil Walter Röhrl Weltmeister wurde, rissen sich
schlagartig ZDF und ORF um seine Aufnahmen, und zum Drüberstreuen
orderte der Talbot-Teamchef nach einer Privat-Vorführung
der Deimel-Werke im Hotelzimmer einen Jahresfilm der laufenden
Saison. Die gebotenen Summen hätte sich Deimel nie zu
verlangen getraut, sie übertraf seine kühnsten Erwartungen.
Damit war der finanzielle Handbrake-Turn geschafft, und der
Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte: Deimels Fernsehbeiträge
sahen schließlich die Jungs von Audi, für die der Niederösterreicher
gleich mehrere Projekte – von Rallye über Rundstrecken-
Rennen in den USA bis hin zur DTM Anfang der Neunziger –
betreute. Auf Audi folgten Lancia, Toyota, VW, Opel und am Ende
Mercedes, neben der DTM wuchs schließlich die Formel I zum
Hauptstandbein.
So sehr sich Rennautos und der Motorsport selbst im Laufe
der Jahre gewandelt haben, eine Konstante gibt es, die sich
durch alle Deimel-Filme zieht: 16 Millimeter. Logisch, ein Filmemacher
verwendet nur echte Kameras. Keinen neumodischen
Schnickschnack mit Speicherkarten und digitalen Gimmicks. Die
gute alte Arriflex begleitet Deimel bis heute, und das hat nicht nur
mit der Qualität eines analogen Bandes zu tun. Es ist der ewige
Reiz, bis zum Schluss nicht zu wissen, wie die Aufnahmen geworden
sind. Die Vorfreude auf den fertig entwickelten Film, die innere
Unruhe ist für den Vollblut-Filmer auch nach über drei Jahrzehnten
eine zeitlose Droge. Wie kann man sich das als Laie vorstellen,
Herr Deimel? Ungefähr wie den Wahnsinn im Bauch,
wenn man sich in ein Mädel verschossen hat und bis zum nächsten
Rendezvous nicht weiß, ob etwas draus werden wird.
Der einstmals analoge Schneidetisch ist längst einem sophistischen
Computer gewichen, eine Horde Terrabyte-Festplatten bietet
dazu genug virtuellen Platz für das komplett digitalisierte
Archiv. Aber nur zum Arbeiten. Zum Sammeln geht ja doch nichts
über klassische Filmrollen, die inzwischen mehr als nur ein paar
Räume füllen. Den Zauber eines echten Deimels
macht aber mehr aus als nur die Bildqualität. Es ist die einzigartige
Mischung aus Atmosphäre, Action und Story, gepaart mit
sensibler Musikwahl und dem nötigen Schuss Ironie, die jeden
Film zu einem Zeitdokument erheben. Und die alle zusammen eine große Lovestory erzählen: Von der Affäre des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Automobil in all seiner verträumten Verrücktheit.
Und so geht nach wie vor
ein Raunen durch die Menge,
wenn bei einem noch so seriösen
Gala-Abend als Bonus-
Track ein echter Deimel aus
den goldenen Jahren des Rallyesports
eingespannt wird.
Für den Meister selbst ist der
Audi-Jahresfilm von 1985,
„Die neue Dimension“, bis
heute in seiner atmosphärischen
Komplettheit unerreicht. Kein Wort wird über den laufenden
Wettkampf verloren. Den Geist dieser Epoche, den Zauber der
brandgefährlichen Gruppe B und den Glanz eingestaubter Kisten
verkörpert er aber gerade deswegen so genial. Und Röhrl als ewig
beliebter Protagonist (Wer kennt nicht sein legendäres Zitat: „Im
Prinzip bist bei dem Auto mim Denken scho z’langsam“) kann
heute noch selbst junges Publikum begeistern.
Und nachdem noch jede Menge unveröffentlichtes Material
von damals im Deimel’schen Archiv schlummert, bleibt dem
seit 30 Jahren glücklich Liierten (Lebensgefährtin Helga ist übrigens
seit 1980 für den Ton zuständig) nichts anderes übrig, als das
Thema gründlich aufzuarbeiten. Einen Rückblick auf 50 Jahre
Rallyesport lieferte schon „Die Evolution des Driftwinkels“ von
2001 – ein Muss im DVD-Schrank jedes Autofans. Streifen über die
Salzburg-Käfer, Freund Wittmann und Walter Röhrl sind nur
mehr wenige Mausklicks von der Veröffentlichung entfernt. Und
die Gruppe B in ihrer komplexen Vielfalt gibt natürlich auch noch
Stoff für ein paar Filme ab.
Was Helmut Deimel aber wirklich am Herzen liegt, ist das
Kino. Ein Film zum Thema auf der großen Leinwand muss sich
noch ausgehen, und im Kopf ist der Motorblockbuster auch schon
fertig. Worum es gehen wird? Über die Safari-Rallye in ihrer ursprünglichen
Schönheit. Über alte Lancias, heldenhafte Ritte und
wiedergefundene Schätze. Mehr wird noch nicht verraten. Die tapfere
Arriflex hat jedenfalls noch genug zu tun.
Auszug aus: ALLES AUTO Exklusiv 12/2009 Von Roland Scharf mit Fotos von Robert May |
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